Brillen als Ramschware

Vorneweg: Ich hatte mich als Augenoptikerin beworben – nicht als Verkäuferin
Ich selbst habe keine Mühe mir neue Unterhosen am Tchibo-Regal oder bei C&A zu kaufen. Bei H&M finde ich auch mal eine Strückmütze. Das war’s dann.

Glücklicherweise habe ich Arbeit und aus dieser bequemen Situation heraus habe ich mich auf mehrer Stellen als Augenoptikerin beworben. Voraussetzung: Ich werde am Shabbat nicht arbeiten. 

Die ersten beiden Bewerbungen sind an eben der Bedingung zum Shabbat gescheitert. Gestern hatte ich wieder ein Vorstellungsgespräch. Diesmal bei “Eyes + More”. Nun habe ich lange nicht mehr als Augenoptikerin gearbeitet. Nach einigen Jahren Krankheit erobere ich gerade mein Leben zurück und eine vernünftige Arbeit gehört dazu. Meine Zeugnisse sind alle gut und mein Abschluß als Augenoptiker-Gesellin erst recht.

Gestern war es so weit, ich sollte um 12:00 Uhr im Einkaufzentrum “Eastgate” bei Eyes + More zum Vorstellungsgespräch aufkreuzen. Also fahre ich mit der S7 richtung Osten, nach Marzahn. Vorbei an Plattenbauten, bei denen ich mir sofort denke: “Hier möchte ich nicht begraben sein!” Aber den Menschen, die hier leben, scheint es zu gefallen. Schließlich steige ich in Marzahn aus. Es sieht hier nicht so schlimm aus. Der Bahnhof könnte eine Renovierung vertragen, aber das könnten wohl die meisten Berliner S-Bahnhöfe.

Der Weg ist kurz und schon bin ich in diesem Einkaufsmonster. Hier wird konsumiert. Es gibt billige Juveliere, billige Bekleidungsgeschäfte, einen Geiz-ist-geil-Laden und im Erdgeschoß sind die Läden von gleich drei Optikketten nebeneinander:

  • Apollo
  • Fielmann
  • Eyes + More

Ich hatte mich nicht lange über Eyes + More informiert. Für mich wäre eine Stelle als Augenoptikerin nicht nur eine schöne Arbeit, sondern auch Mittel zum Zweck, denn dann hätte ich gleich zwei gute Berufe, mit denen ich mir eine neue Arbeit suchen könnte, wenn ich in ein paar Jahren nach Israel auswandere.

Im Laden angekommen, muß ich erst mal ein bisserl warten und ich nutze die Gelegenheit, mir das Brillensortiment anzusehen.

Ich konnte keine einzige Brille finden, die mir auch nur annähernd gefällt. Auffällig war: An keiner der Brillen war ein Preisschild. In den Brillenbügeln war das Modell und die Größe eingestanzt und bei vielen auch der Name “Eyes + More”. Es handelte sich also um eine Eigenmarke.

In der Zwischenzeit kam eine Kundin, um sich die Brille neu anpassen zu lassen. Die Brille (ein Metallgestell) drücke hinter dem Ohr. Die Verkäuferin nahm die Brille und bog an den Padhebeln (Nasenauflagen) herum. Da muß man erst mal draufkommen. Schließlich reichte sie der Kundin die Brille zurück und die setzte sie wieder auf. Die Verkäuferin schaute kurz hinter das rechte Ohr, aber das war’s dann schon.

Fazit: Diese Verkäuferin wußte nicht, wie man eine Brille anpaßt und hatte genau Null-Komma-Null Ahnung von der Anatomie eines Kopfes. Sie wußte nicht, wo Blutgefäße und Nerven verlaufen. Dem Alter nach hätte sie längst Gesellin sein müssen. Ihrer Performance nach, mußte sie im dritten Lehrjahr die Berufsschule geschwänzt haben.

Nach einiger Wartezeit kam der Chef und bat mich zum Gespräch. Er stellte mir ein paar Fragen zu meinem durchaus merkwürdigen Lebenslauf und ich erklärte ihm alles auch ganz offen. Schließlich stellte ich ihm ein paar Fragen zu Eyes + More und er war ebenso offen. Nein, sie würden überwiegend Verkäuferinnen einstellen. Die müßten halt ein paar Dinge über Gläser lernen, aber es ginge hier hauptsächlich ums Verkaufen. Ich müsse sehen, daß hier Brillen als Modeartikel verkauft werden.

Modeartikel? Das war schwer verdaulich, denn dafür waren mir diese Nasenfahrräder allesamt zu häßlich.

“Mode ist was anderes!”, dachte ich mir, und er fuhr fort, daß hier der Banker eine seriöse Brille für die Bank kaufen würde und etwas flottes für den Abend. Man bekäme eine Fernbrille für € 111,– und drei Brillen für € 222,–

Man muß keine Rechenkünstlerin sein, um hier nochmal kurz an die Brillen zu denken, die ich eben noch in der Hand hatte. Keine einzige mit Federscharnier. Alles ziemlich billig und als ich eine in der Hand hatte, auf der stand “Handgefertigt”, da dachte ich mir als erstes: “Ja, wahrscheinlich aus einem Sweatshop in China oder Nordkorea.”

Hier gehen die Leute mit drei verschiedenen Brillen zur Türe raus, aber am Ende haben alle die gleichen Brillen. die Brillengestelle unterscheiden sich nicht wesentlich. Oder anders gesagt: Die Designer von Eyes + More leiden unter einer schweren Form der Einfallslosigkeit.

Er weiter, man habe im Jahr sechs Kollektionen, jeder Laden bekäme von jedem Modell zwei und man könne auch mal eine nachbestellen, dann sei aber Schluß und es käme die nächste Kollektion.

Im Hinterzimmer, in dem wir unser Gespräch führten, war es zwar halbwegs sauber, aber nicht ordentlich. Kisten mit Massenware standen herum. Ein alter Schleifautomat – abgesteckt, ein Schleifgerät,….. alles bis auf das Ultraschallgerät außer Betrieb. Was er mir dazu erzählte, war mir im Grunde bekannt. Man fertige die Brillen nicht mehr selber.

Meine Erklärung dazu: Die Gläser werden in einer großen “Werkstatt” zugeschliffen. Es handelt sich im Wesentlichen um einen semi-industriellen Fertigungsprozeß. Die Gesichter der Kunden werden mit Computern vermessen und die Gläser schließlich mit CNC-Automaten eingeschliffen. Diese Automaten machen im Grunde alles selbst, sie schleifen die Form, brechen die Kanten, fräsen die Rillen für randlose Brillen mit Nylonfaden oder bohren die Löcher für Bohrbrillen. Eine Kollegin von Abele Optik hat mir mal gesagt, da könne man im Grunde einen Affen hinstellen. Der könne das auch. Die Damen, die vorne die Brillen verticken, können nicht ausmessen. Ich wage zu behaupten, daß keine von denen die Pupillendistanz mit einem Pedisten (ein besonderes Lineal) messen könnte, daß jede von denen vollkommen aufgeschmissen wäre, wenn sie ohne computergestütztes Vermessungsgerät die richtige Stelle für den Nahsichtbereich eines Gleitsichtglases bestimmen soll. Wenn ich an solchen Stores von Bode, Fielmann, Apollo und eben Eyes + More vorbeigehe, habe ich eh meine Zweifel, ob da drinnen alle Kolleginnen das noch zustandekriegen und ich  glaube auch nicht, daß da noch eine fachgerechte Beratung möglich sein kann. Hier wird im Akkord verkauft.

Manche mögen mir hier widersprechen. Was ich hier schreibe, mag der einen oder anderen gegen die Ehre gehen, aber das ist nun mal die Entwicklung im Optik-Bereich. Es hat in den 1980er Jahren mit billigen Kassenfassungen aus Metall angefangen. Alles wurde immer billiger und diese Entwicklung hielt über 30 Jahre an. Die Kassenfassung von d

Damals gibt es heute nicht mehr, die Brillen bei Eyes + More sehen sehr viel besser aus als die Kassenfassungen von damals. Gleichwohl würde ich 80% der Brillen in diesem Store als die Kassenfassungen des Jahres 2017 einordnen.

Ich selbst habe eine Brille und trage sie kaum. Trotzdem habe ich für das gute Stück rund 1150,– Öre springen gelassen und das auch nur, weil mir mein Freund, der heute den Laden führt, in dem ich gelernt habe, 150,– Euro nachgelassen hat. Dafür bekäme ich bei Eyes + More wohl neun (9) häßliche Gleitsichtbrillen.

Aber abgesehen von dem Modeaspekt, bei dem unsere Ansichten diametral auseinanderlagen (wir haben das nicht erörtert), mußte ich nur ganz kurz nach den Gläsern fragen. Auch da hätten sie einen “eigenen” Lieferanten, von dem sie alle Gläser bekämen. Ich zählte sie auf, Rodenstock, Zeiss, Essilor, Hoya – Ja, sagte er, ihr Lieferant sei in meiner Aufzählung dabei. Man biete nur Kunststoffgläser an. Mein erster Gedanke nach diesem Satz war, daß man Menschen mit größeren Stärken dann wohl der Tür weisen müßte.

Schließlich streiften wir nochmal das Store-Konzept und ich hab’ ihm das Wort abgeschnitten. Es ist mir schon klar, daß man seine Stores an Stellen plaziere, wo die Kundschaft zum Programm paßt. Hier in Marzahn sei ein idealer Standort.

Inzwischen habe ich mich deutlich ungezwungener verhalten. Hier gab es nichts zu gewinnen. Hier wollte ich eh nicht arbeiten und in diesem Gesprächsabschnitt habe ich meinem Gegenüber dann auch erklärt, daß er sich’s inzwischen wohl denken könne, daß ich kein Interesse an einer Mitarbeit in seinem Unternehmen hätte.

Es fehlt hier jeder Anspruch wirklich gute Produkte anzubieten. Man will Geld verdienen und die Kunden wollen Geld sparen. Das läßt sich nur über eine Optimierung über die Parameter Stückzahl und Qualität erzielen.